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Ballenberg – Bericht 18. Museumssonntag

8 November 2009

Bereits im Vorfeld fielen Begriffe wie “patriotisch” oder “heimatselig”. Dennoch wollen wir uns für unseren Besuch im Freilichtmuseum Ballenberg nicht auf Vorurteile einschiessen, und uns wie immer vom eigenen Augenschein leiten lassen. Trotz des verhangenen Himmels sind wir nicht ganz die einzigen Besucher, die sich in Brienz ins Postauto quetschen. Die Schlange vor dem Eingang ist dennoch schnell überwunden, und wir machen uns daran, die hier angebotene Bilderbuchschweiz zu erkunden.

Idyllisches Berner Mittelland

Die Apotheke mit Kräutergarten sorgt bei jedem Besuch für Freude. Das ist auch heute nicht anders. Vor dem Gebäude findet gerade ein Heilkräutermarkt statt, der allerdings nicht so richtig in die pittoreske Kulisse passen will. Neu ist für uns auch der Geruchsgarten - das Pflanzenraten ist eine interessante Idee. Leider hat man nur allzu rasch die Nase voll davon…
Vor dem Wohnhaus aus Villnachern (AG) erregen die Massen, die dort begeistert Nägel einschlagen, den Missmut eines unserer handwerklich nicht ganz unbedarften Teilnehmers: Dieser findet es „befremdlich“ dass der Umgang mit Hammer und Nagel hier als exotische Erfahrung genossen wird. „Ist das wirklich so weit weg vom Alltag dieser Leute?“
Die Frage muss wohl jede(r) für sich selbst beantworten. Webstuhl im BallenbergDer Webstuhl in der guten Stube dürfte allerdings definitiv nicht mehr zur gewohnten Ausstattung gehören. Während der Blütezeit der Seidenindustrie war er jedoch in vielen ländlichen Wohnstätten zu finden. Insbesondere im basellandschaftlichen Gebiet waren das Verlagswesen und damit die Heimarbeit von Seidenspinnern weit verbreitet. Die Seidenverarbeitung ist das Jahresthema im Ballenberg. Deshalb ist das Haus aus Therwil (BL) auch nicht das einzige, in dem man einiges darüber lernen kann. So haben wir im Gutshof aus Novazzano (TI) die Gelegenheit zuzusehen, wie die filigranen Fäden entstehen – und hören auf welche Art die Seidenraupen getötet werden, damit man an ihr begehrtes Gut kommt: Heisser Wasserdampf macht ihnen den Garaus.
In der nun doch ziemlich heiss auf die „Südschweiz“ brennende Sonne gehts bergauf weiter in die „Zentralschweiz“. Die Freundinnen des Streichelzoos kommen hier nicht voll auf ihre Kosten, denn offenbar haben sich bei den Tieren bereits gewisse Übersättigungserscheinungen eingestellt. Nach etlichen besuchten Häusern drohen diese auch ein paar von uns, weshalb sich die Gruppe im „östlichen Mittelland“ teilt: Während ein Teil von uns sich so langsam via Köhlerei und Berner Mittelland in Richtung Heimweg beginnt, wollen sich andere zumindest den Coiffeursalon ansehen, der nach heutigen Massstäben bisweilen eher wie eine Kammer zur peinlichen Befragung anmutet… Aber sehen wolle man das dennoch, wenn man schon mal da sei und in den nächsten zwanzig Jahren vermutlich auch nicht mehr komme, wie ein Teilnehmer nüchtern konstatiert. Diese Aussage steht im Gegensatz zur viersprachigen Empfehlung am Ausgang: „Machen Sie einen Besuch im Ballenberg zur Tradition!“ Wie soll man es denn nun halten? Vielleicht so: Zwar wird sich der grössere Teil der Häuser in den nächsten zwanzig Jahren tatsächlich kaum verändern. Andererseits bietet das Freilichtmuseum zahlreiche wechselnde Demonstrationen und auch Kurse zum Erlernen traditioneller Handwerks- und Landwirtschaftstechniken an, so dass man auch nach mehrmaligem Besuch noch etwas neue entdecken kann.

Ballenberg: östliches Mittelland
Bleibt die Antwort auf die Eingangsfrage nach dem Folkloreanteil. Mir schien der bei diesem Besuch dezent und angemessen zu sein. Also suchte ich auf der Website des Museums nach Unterstützung in meiner Argumentation gegen die Vertreter der Gegenmeinung. Und wie lautet der erste Satz, über den ich stolpere? „Auf dem Ballenberg ist die Schweiz so, wie sie einmal war.“ (…) Mache ich mich jetzt selber der tendenziösen Interpretation schuldig, wenn ich hier ein leichtes Augenzwinkern hinein lese?

Infos
Ort: Brienz, Ballenberg
Datum: 05/07/2009
Mehr: http://ballenberg.ch/
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