Glasfenster versus Sandkasten – Bericht 30. Museumssonntag
Glasfenster oder Sandkasten? Die Frage mag seltsam anmuten, sie wird uns aber später noch eingehend beschäftigen. Vorerst aber wenden wir uns ohne zu zögern dem Eingang zur (ehemaligen) Klosterkirche Königsfelden zu.
Ein Mord als Grundstein
Das auf Hochglanz restaurierte Gemäuer verdankt seine Existenz einer Bluttat: 1308 ermordete in dieser Gegend Johannes von Schwaben seinen Onkel Albrecht von Habsburg. Elisabeth von Görz-Tirol, die Ehefrau des Verstorbenen, liess zu seinem Gedenken nicht nur eine Kirche, sondern gleich ein Doppelkloster der Franziskaner und der Clarissen-Schwestern errichten. Dachte sie, dass ihr Mann der frommen Fürbitte so bitter nötig haben würde? Wie auch immer.
Johannes von Schwaben inspirierte mit seinem Mord übrigens nicht nur die Baukunst, sondern – mit etwas Verzögerung – auch die Literatur: unter seinem Schandnamen “Parricida” (Vatermörder) begegnete er im 18. Jahrhundert Tyrannenmörder Tell im Ausklang von Schillers gleichnamigem Drama. Wieso Schiller den eidgenössischen Armbrustschützen Tell als wackeren Freiheitsheld darstellte und Johannes von Schwaben von selbigem schändlich aus dem Land jagen liess, ist eine interessante Frage. Unser Besuch gilt allerdings den berühmten Glasfenstern und nichtder Tyrannizid-Forschung.
Schauen und schaufeln
Dass die Fenster insbesondere für ihre Darstellung dreidimensionaler Architektur berühmt sind, erschliesst sich uns zwar erst im Nachhinein. Doch dank kundiger Führung (nochmals herzlichen Dank dafür an Christian) können wir bereits vor Ort nicht nur die Farbenpracht im Chor der Kirche bewundern, sondern erfahren auch viel Lehrreiches zur Ikonographie und zum Handwerk der Glasmalerei.
Wieviel von solchem Wissen hätte sich uns erschlossen, wenn wir vor dem Betreten der Kirche dem Pfeil folgend nach links abgebogen wären, statt wie erwähnt schnurstracks das Gebäude zu betreten? Denn im Schatten des Längsschiffs verspricht ein Zusatzangebot, uns in “Kirchenbaumeister wie im Mittelalter” zu verwandeln. Konkret kann man hier gegen ein Entgelt an Sandsteinen herummeisseln oder einen “mittelalterlichen Hindernisparcours” absolvieren.
Welche Brücke führt über den kulturellen Graben?
Und damit sind wir nun beim Sandkasten angelangt oder besser: bei der Diskussion, wieviel Infotainment dem “wahren Kulturgenuss” (was auch immer das sein mag) zuträglich – oder diesem gar hinderlich sei. Abgesehen von Quersubventionierungsgedanken: Stehen hier zwei autarke Mikrokosmen nah und scheinbar verwandt beieinander, die aber de facto zu verschieden sind, um Besucher beider Welten zu vermischen? Oder können solche Angebote gar Brücken schlagen und Zugänge in neue Welten eröffnen? Und wenn ja, wie müssten sie beschaffen sein?
Wir entscheiden die Frage auch nach längerer Diskussion nicht eindeutig. Dass wir aber alle einen Gewinn daraus ebenso wie aus dem Besuch gezogen habe, darin sind wir uns, so glaube ich zumindest einig.
| Infos
Ort: Windisch (AG), Klosterkirche Königsfelden Datum: 25/07/2010 Mehr: Infos zur Klosterkirche auf der Website des Kanton Aargau |
